Zwei Plakatreihen
Bei der ersten Plakatreihe war der Ausgangspunkt eine Tagebucheintragung von Max Frisch, die mir sehr am Herzen liegt: In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hinein sehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! Auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die uns fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm daß er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel, und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer–. (Max Frisch, Tagebuch 1946–1949) Durch die Hervorhebung der Bildnisproblematik in meiner Plakatreihe, wollte ich die völlige Eingeschlossenheit des „Opfers" in unserer Vorstellung von ihm, zeigen. Es gibt keinen Ausweg einem Vorurteil oder einer vorgefassten Meinung zu entkommen. Im ersten Plakat wird der Gedanke des Spiegels (der andere als Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes) dargestellt. Im darauffolgenden Plakat wird unser Erzeugnis (das der andere ist) unentwegt neu produziert. Völlig gefangen ist das Opfer im letzen Plakat, unser Bildnis von ihm ist wie ein Gefängnis, wie Gitterstäbe aus denen es kein Entkommen gibt.
Die zweite Plakatreihe beschäftigt sich mit dem Gedicht „Was es ist" von Erich Fried. Hier war mir wichtig, die Beweglichkeit und die Dynamik der Liebe gegenüber der Vernunft, der Erfahrung, der Einsicht und anderen rationalen Eigenschaften darzustellen. Die Liebe „spielt" mit einem Ball, sie schlängelt sich wie Pflanzen-Halme nach oben. Der Stolz und die Vernunft dagegen drücken den Ball ein, lassen ihm keine Luft. Nur durch die Liebe kann der Ball wieder tanzen.